Zurückgekehrt – aber nicht derselbe
Lied des Tages: Paolo Conte – Via con me
Mein letzter Eintrag liegt Monate zurück.
Das war keine Absicht. Kein Rückzug. Eher das Gegenteil: Das Leben war so laut – und gleichzeitig so leise –, dass kein Platz mehr blieb fürs Schreiben. Wer die letzten Beiträge kennt, weiss: Die Transplantation lag hinter mir, die Erholung vor mir. Was ich unterschätzt hatte – oder vielleicht verdrängen wollte – war, wie lang dieser Weg noch sein würde.
Erschöpfung, die sich nicht erklären lässt
Müde ist das falsche Wort. Es war tiefer als das. Eine Art Grunderschöpfung, die sich in jeden Morgen hinein fortsetzte. Der Körper, der so viel hatte leisten müssen, verlangte Rechnungen ein – still, aber konsequent.
Und dann war da noch etwas, das mich mehr beschäftigte, als ich zugeben wollte: Ich hatte meinen Geruchssinn verloren. Klingt erstmal klein. Ist es nicht. Wer nicht mehr riecht, isst anders. Wer anders isst, lebt anders. Der Tisch, der für mich immer ein Ort der Freude war – kochen, geniessen, zusammensein – bekam einen leisen Riss. Essen wurde Pflicht statt Lust.
Inzwischen hat er sich weitgehend zurückgemeldet. Still, fast unbemerkt – und doch ein kleiner Triumph. Der Tisch ist wieder ein Ort der Freude.
Das Glück, das ich hatte
Nicht jede/r findet einen Spender:in. Ich schon. Nicht jede/r übersteht die Konditionierung ohne schwere Komplikationen. Ich schon – nicht schadlos, aber dorch. Nicht jeder hat ein Umfeld, das trägt. Ich schon.
Das ist keine Selbstverständlichkeit. Ich sage das ohne falsche Bescheidenheit – und mit einem leisen Schwindel, wenn ich daran denke, wie viele es nicht so hatten. Glück lässt sich nicht verdienen. Es passiert. Oder auch nicht.
Ein Mensch, den ich nie kennen werde
Irgendwo lebt ein Mensch, dem ich mehr Lebenszeit verdanke.
Ich kenne seinen Namen nicht. Sein Gesicht nicht. Seine Geschichte nicht. Und trotzdem ist er – oder sie – näher an mir dran als die meisten Menschen, die ich je umarmt habe. Fremde Stammzellen fliessen durch mich. Fremdes Leben trägt mein Leben.
Was mich dabei am meisten berührt: Diese Person hat nichts dafür erhalten. Keine Gegenleistung, kein Dank, den sie je hören wird, keinen Blick, der ihr zeigt, was sie bewirkt hat. Sie hat gegeben – still, anonym, vollständig selbstlos. In einer Zeit, in der so vieles nach Gegenleistung ruft, ist das eine Geste, die mich sprachlos macht.
Ich kann nur hoffen, dass irgendetwas von dieser Dankbarkeit – die ich nirgendwo hinschicken kann – trotzdem irgendwie ankommt
Das USZ – ein Ort aus aller Welt
In all diesen Wochen war das Universitätsspital Zürich nicht einfach ein Spital. Es war mein Anker.
Was mich immer wieder berührt hat: die Menschen dort. Pflegende, Ärztinnen, Therapeuten – aus der Schweiz, aus Deutschland, aus Ländern, die ich auf Anhieb nicht benennen konnte. Nah und fern. Verschiedenste Muttersprachen, ein gemeinsames Ziel. Ich wurde behandelt von einem Team, das ich mir kaum hätte vorstellen können – und das trotz allem Druck des Alltags immer wieder den Blick auf mich als Person gerichtet hat, nicht nur auf meinen Befund.
Dafür – aufrichtig und von Herzen – danke ich.
Die Menschen, die geblieben sind
Was mich am meisten bewegt hat, war nicht das Medizinische – so beeindruckend es war. Es waren die Menschen.
Freundinnen und Freunde mit Fachkompetenz, die nicht nur Empathie, sondern auch Wissen mitbrachten. Die nicht wegschauten, wenn es kompliziert wurde. Die Fragen stellten, die ich selbst nicht zu stellen wagte. Die mich nach Zürich fuhren, dreimal pro Woche, ohne je zu zählen.
Sie haben mich nicht bemitleidet. Sie haben mich begleitet. Das ist ein Unterschied, den ich erst richtig verstanden habe, als ich selbst in diesem Dazwischen war.
Ich werde keine Namen nennen – aber ihr wisst, wer ihr seid. Und ihr wisst, was das bedeutet.
Geschwister. Einfach so.
Peter. Beatrice. Meine Geschwister.
Ich bin das Nesthäkchen – das jüngste Kind, mit Abstand. Wir haben unsere Wege gemacht, unsere Leben gelebt. Und trotzdem – oder gerade deshalb – war ihre Anteilnahme in diesen Monaten kein leeres Ritual. Sie haben mitgezittert. Mitgehofft. Mitgeatmet.
Das vergisst man nicht.
Meine Familie – das Gravitationszentrum
Nicole. Meine Tochter Noemi, Schwiegersohn Hannes, Chani und Sanna
Chani, alt genug für grosse Augen und eine Umarmung, die mehr sagt als jedes Wort. Und Sanna – drei Monate alt. Rundes Gesicht, erstaunte Augen, die gerade anfangen, die Welt zu sortieren.
Wenn ich sie halte – und ich darf sie jetzt wieder halten, ohne Angst, ohne Maske, ohne die lähmende Vorsicht der vergangenen Monate – dann ist das kein kleiner Moment. Das ist der Beweis, dass es sich gelohnt hat. Dass all die schwierigen Nächte, die Medikamente, die Kontrolltermine einen Grund hatten.
Sanna weiss das natürlich nicht. Sie schaut mich an, wie Babys eben schauen – offen, fraglos, vollständig präsent.
Genau das brauche ich.
Dankbarkeit – ohne Pathos
Ich bin kein religiöser Mensch. Ich bete nicht.
Aber es gibt ein Gefühl, das ich nur Dankbarkeit nennen kann – tief, still, ohne Adresse. Eine Art inneres Staunen darüber, dass es so ausgegangen ist. Dass ich diesen Herbst, diesen Winter erlebt habe. Dass ich Chani beim Lesen zugeschaut habe. Dass ich wieder koche, wieder schreibe, wieder lese.
Heilung ist ein grosses Wort. Ich verwende es vorsichtig. Aber was mir die Ärztinnen und Ärzte gesagt haben, war deutlich: Die SZT hat gegriffen. Das Sézary-Syndrom ist zurückgedrängt. Ich gelte als geheilt.
Geheilt.
Ich sass allein, als ich das zum ersten Mal wirklich hörte – nicht las, sondern hörte, laut, in meinem Kopf. Und musste kurz innehalten.
Jetzt
Und wie geht es mir heute?
Ich bin wieder da. Wirklich. Schaffenskräftig. Neugierig. Voller Tatendrang, der mich manchmal selbst überrascht. Ich lese wieder mit Genuss. Ich koche – mit Geruch und Freude. Ich denke über neue Projekte nach. Ich schreibe wieder.
Die Krankheit ist zurückgedrängt. Der Mensch dahinter kehrt zurück – nicht identisch, aber erkennbar. Vielleicht sogar ein wenig klarer.
Man kehrt nicht zurück zu dem, was man war. Man kommt woanders an.
Ich bin dankbar, dass ich angekommen bin.
Danke für alle Worte, Nachrichten, stillen Gedanken. Ihr habt mehr bewegt, als ihr wisst.
Wer sich für Stammzellspende interessiert: blutstammzellspende.ch
Kommentar hinzufügen
Kommentare